Die Innovation – Versuch einer Begriffserklärung und Plädoyer für eine soziale Sichtweise

Der Hintergrund | Service

Das Wort ist in aller Munde: Innovation sei der Schlüssel zum Wohlstand,  tönt es aus der Politik. Wir brauchen Innovationen, um aus der Krise zu kommen, heißt es in der Wirtschaft. Innovative Köpf müssen mehr gefördert werden, fordern Wissenschaftler. Hersteller bewerben ihre Produkte als „neueste Innovation“. Innovationen sind etwas ganz wichtiges, darüber sind sich alle einig. Und mittels dessen formuliert jeder seine Ansprüche. Es scheint fast so, als sei das Wort zu einer Art Heilsbringer geworden: je nachdrücklicher man Innovationen beschwört, desto schneller muss sich alles ändern.

Innovation – eine modische Worthülse?

Aber was ist überhaupt eine Innovation? Verkommt das Wort zunehmend zu einer sinnentleerten Hülse, einer modernen Floskel, die sich über alles stülpen lässt, weil es einfach besser klingt? Die Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten. Die Innovation an sicht gibt es nämlich nicht. Es ist vielmehr ein Vorgang, oft ein langer Prozess und manchmal entspringt er einem wundersamen Moment. Denn er beginnt im Kopf oder auch in den Köpfen vieler. Und wie ein Blitzeinschlag ist es auch bei einer Idee nicht vorhersehbar, wann und wo dieses Phänomen eintreten wird. In vielen Fällen beginnt eine Innovation eben mit einem Geistesblitz, einem Einfall, einer Idee. Manchmal sind es auch kleine Entdeckungen und Erkenntnisse (nicht immer nur funktioneller Natur), Spinnereien, Gedankenspiele und manchmal entstehen sie durch pure Handlungsnot, Mangel, Druck und Improvisation, getreu dem Motto: „Not macht erfinderisch“. Man sieht: sowenig es die eine Innovation gibt, so wenig gibt es den einen Entstehungsmoment und die eine Entstehungsbedingung. Das macht das Thema Innovation so komplex und gleichzeitig so faszinierend.

Ist alles was „neu“ ist auch gleich „innovativ“?

Grundsätzlich kann man sagen, das eine Innovation etwas Neuartiges ist, das sich von dem vorher bestandenen Zustand merklich unterscheiden. Oder anders gesagt: es ist eine Neuartigkeit, welche Zweck und Mittel in bisher nicht bekannter Form miteinander verknüpft. Dabei kann ein gegebener Zweck (besser) erreicht werden oder aber ein eben durch die Innovation neu geschaffener Zweck befriedigt werden. Aber eine Idee, eine Entdeckung oder gar eine Erfindung ist noch lange keine Innovation! Erst die Distribution und ihre verbreitete Anwendung, macht eine Neuerung zu einer echten Innovation. Was letztendlich innovativ ist oder als solches angepriesen wird, bleibt Ansichtssache und wird im Auge der Geschäfts- und Interessenpolitik entschieden.

Das stilisierte Bild des Entrepreneurs

Anfang des 20. Jahrhunderts schuf der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter den Begriff des „Entrepreneurs“. Dieser bezeichnet einen Akteur, der sich aufgrund seiner besonderen Einzelleistung hervorhebt und in der Lage ist, seine wirtschaftlichen Ideen und Aktivitäten, entgegen aller ihm hervorgebrachten Widerstände, durchzusetzen vermag. Diesem Idealtyp eines Unternehmers ist es zu verdanken, dass in vielen Köpfen auch heute noch der Begriff der Innovation mit dem Bild eines besonders begabten Menschen und wagemutigen Einzelkämpfers verbunden ist. Das es Menschen gibt, die gerne Tüfteln und besondere Ideen und Begabung haben, soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Doch bis eine Idee zu einer Innovation wird, bedarf es oft eines langen Prozesses, an dem viele Menschen beteiligt sind. Und auch das soziale Umfeld und die Umstände, die zu einem besonderen Einfall beitragen, werden bei einer solch vereinfachten Betrachtung oft ausgeblendet. Bekannte Persönlichkeiten wie Bill Gates oder Steven Jobs fördern das Bild des „Entrepreneurs“ in der Öffentlichkeit. Dabei wird allzu gern vergessen, dass auch diese beiden Akteure, irgendwann in einer (zugegeben sehr kleinen) Gruppe von Tüftlern sich austauschten und ihre Ideen fanden. Heute sitzen hinter Microsoft oder Apple eine Heerschar von Entwicklern, die ständig Innovationen schaffen und deren Namen kaum einer kennt.

Von der technikzentrierten Sichtweise zum sozialen Prozess

Ein Umdenken hat stattgefunden. Man rückt zunehmend ab von dem Pathos einer technikzentrierten Sichtweise auf Innovationen. Heute werden Innovationen immer mehr als soziale Prozesse verstanden. Und das hat mit einer wichtigen Erkenntnis zu tun: Innovationen werden von Menschen, für Menschen gemacht - sie erfüllen einen bewusst gewordenen Handlungsbedarf! Der Vorgang der Bewusstwerdung hat unmittelbar mit sozialen Aspekten zu tun und ist stark gesellschaftlich beeinflusst. Diese Erkenntnis hat großen Einfluss auf die Organisationsstrukturen von Unternehmen. Die Erweiterung der Sichtweise auf Innovationspotentiale, die den gesamten Produktionslebenszyklus erfasst, trägt den Fähigkeiten, dem Erfahrungswissen und dem Know-how der Mitarbeiter an den jeweiligen Schnittstellen Rechnung. Damit stehen nicht mehr nur die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen im Fokus der Innovationsfähigkeit, sondern alle Ebenen/Stufen der Wertschöpfung. Dadurch steigt die Notwendigkeit, Lern- und Qualifizierungsprozesse in der betrieblichen Arbeit zu ermöglichen und zu fördern, um die vorhandenen Potentiale der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besser zu nutzen. Damit einhergehend, werden Unternehmen wieder mehr als soziales Gebilde wahrgenommen. Die Fähigkeiten und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten rücken stärker in den Mittelpunkt und ihre Förderung erlangt an Bedeutung.

Innovation wird von Menschen gemacht

Wie zu sehen ist, ist Innovation ein Prozess, der nicht leicht fest zu machen ist. Selbst bei Joseph Schumpeter, der den Innovations-Begriff geprägt hat wie kein Zweiter, findet sich keine eindeutige Definition.

Festzuhalten bleibt, dass Innovation immer eine Frage von Entscheidungen ist, die geleitet sind durch Interessen. Eine gute Idee alleine reicht nicht aus, um zur Innovation zu werden. Doch in jedem Falle machen die Menschen Ideen zu einer Innovation. Denn ohne Menschen gibt es keine Innovationen – sie bedienen keinen Selbstzweck. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es verwunderlich, dass sich die technikzentrierte Sichtweise so vehement in den Köpfen hält. Die allgemeine Einsicht, Innovationen als einen sozialen Prozess zu verstehen, setzt den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum der Betrachtung – dahin, wo er hingehört.

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