Immer mehr Menschen nutzen weltweit die Möglichkeiten des Social Media. Gleichzeitig gibt es aber auch kritische Stimmen, insbesondere auch, was das Thema Datenschutz angeht. WAP ist seit einigen Tagen auch bei Facebook präsent. Wir haben Regina Görner, für Bildung zuständiges IG Metall-Vorstandsmitglied, um ihre Einschätzung zum Nutzen der neuen Netzwerke für die Bildung gebeten. Regina Görner ist in virtuellen Netzwerken wie beispielsweise Facebook sehr engagiert.
Social Media sollen herkömmliche Netzwerke nicht ersetzen sondern erweitern. Welche Möglichkeiten bieten z. B. Facebook auch für die Berufsbildung?
Regina Görner: Die große Chance der Social Media liegt ja darin, dass man unaufwändig und sehr schnell Informationen, Einschätzungen, auch Appelle für Aktionen bei einem Publikum platzieren kann, das man normalerweise nie erreichen würde. Man kann die Grenzen der „Szenen" überwinden, in denen man sich in der realen Welt bewegt und die oftmals hermetisch geschlossen und oft auch leicht abgehoben sind. Die sozialen Netzwerke schaffen dagegen sehr direkte Kommunikation, unmittelbares Feedback selbst von Adressaten, mit denen man sonst nie ins Gespräch käme. Ob und wie man das im Feld der Berufsbildung umsetzen kann, wird sich im Einzelnen erst noch erweisen müssen.
Die Social Media sind keine Alternative zu den herkömmlichen Netzwerken, in denen wir arbeiten und leben. Sie ergänzen sie. Die traditionellen Netze können z.B. via Internet unkomplizierter und schneller miteinander kommunizieren. Aber es gibt auch den umgekehrten Vorgang: Aus virtuellen Netzen entstehen immer öfter auch persönliche Beziehungen.
In den Gewerkschaften arbeiten wir oft eindimensional: Wir informieren Mitglieder mit einer Menge kostenaufwändigen Papiers, geben ihnen jedoch nur wenige Möglichkeiten, darauf unmittelbar zu reagieren und sich selbst zu beteiligen. Viele Netzwerke, die für unsere Arbeit sinnvoll sein könnten, entstehen gar nicht erst, weil sie mit den herkömmlichen Mitteln nur unter großen Kosten zu betreuen wären. Akteure, die weit voneinander entfernt arbeiten, könnten jetzt über Social Media aber durchaus miteinander in Austausch gebracht werden, und zwar mit vertretbaren Aufwänden und Kosten. Ehrenamtliche können besser beteiligt, ihre Kompetenz und auch die von Hauptamtlichen können besser genutzt werden. All das kann man natürlich auch in der Berufsbildung gut gebrauchen. Zum Beispiel: Die Betreuung und Vernetzung der Berufsbildungsausschüsse vor Ort oder der Erfahrungsaustausch von ExpertInnen in der Vorbereitung bzw. Evaluierung von Neuordnungsverfahren in der dualen Berufsbildung. Wir stehen in solchen Überlegungen noch ganz am Anfang, aber ich bin sicher, dass hier viele Möglichkeiten liegen, die unsere Arbeit erleichtern und voranbringen können.
Und wir dürfen nicht übersehen, dass die elektronischen Netze inzwischen schon ein Stück der politischen Debatte prägen. Wer sich da nicht einmischt, überlässt das Feld natürlich den andern. Soweit sollte es gar nicht kommen. Deshalb bringen wir jetzt auch das IG Metall-Bildungsportal WAP in diese Netze hinein. Wir sollten es nicht Gesamtmetall überlassen, dort „Freunde" zu finden und für ihre Vorstellungen zu werben.
Viele schrecken vor der Nutzung der virtuellen Netzwerke wegen der Gefahren des Datenmissbrauchs zurück. Was rätst Du den Skeptikern?
Regina Görner: Sich nicht abschrecken zu lassen, sondern sich bewusst zu werden, dass man als Nutzer die Risiken in einem hohen Umfang selbst gestaltet. Daten, die den Netzen nicht zur Verfügung gestellt werden, können nicht missbraucht werden. Deshalb sollten Nutzer in den Netzen nur preisgeben, was sie sonst auch in der Öffentlichkeit preisgeben würden. Ich frage mich persönlich immer, ehe ich etwas poste, ob ich hinnehmen kann, diesen Text oder dieses Bild morgen auf der Titelseite der Yellow Press wiederzufinden.
Wer sich über seine Konsumgewohnheiten offen auslässt, muss in den Social Media davon ausgehen, dass er mit Werbemüll zugeschüttet wird. Wer Fotos von Saufgelagen für alle Welt sichtbar macht, sollte sich über peinliche Fragen in Bewerbungsgesprächen nicht wundern. Das sind aber Zusammenhänge, die man selbst in der Hand hat. Im Zweifel deshalb: Immer weniger öffentlich zugänglich einstellen! Und auf jeden Fall die Möglichkeit nutzen, die Einstellungen und Veröffentlichungsbedingungen selbst zu bestimmen!
Natürlich beinhalten privatwirtschaftlich geführte Netze bestimmte Risiken. Ich fände es deshalb besser, wenn es öffentlich-rechtlich verantwortete Social Media gäbe. Die wären zwar auch nicht vor jedem Missbrauch gefeit, aber wenn eine Institution keine Gewinne machen darf oder gar muss, dürften die Risiken schon deutlich reduziert sein. Und eine Kontrolle z.B. durch Parlamente wäre sicher mit Blick auf den Datenschutz nicht schädlich. Ich verstehe z.B. nicht, dass die „Szene", die sich etwa um die Piratenpartei schart, wahnsinnig sensibilisiert ist gegenüber Kontrollmöglichkeiten des Staates, die Eingriffsmöglichkeiten eines Privatunternehmens dagegen gelassen hinnimmt.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt mögen öffentlich-rechtliche soziale Netzwerke ziemlich utopisch erscheinen, aber es wäre die angemessene Antwort auf die heute erkennbaren Probleme. Ich könnte mir vorstellen, dass Nutzer bereit wären, eine moderate Gebühr zu zahlen, wenn gewährleistet wäre, dass ihre Daten nicht zu Werbezwecken verkauft und die Nutzungsbedingungen von demokratisch gewählten Parlamenten festgelegt oder wenigstens kontrolliert würden. Derzeit sehe ich allerdings keine Regierung, die bereit wäre, die dafür erforderlichen Investitionskosten zu tragen. Aber das muss ja nicht so bleiben. Wenn es z.B. aus den Netzen heraus einen entsprechenden Druck von den Nutzern gäbe, wäre eine Diskussion in einzelnen Staaten oder internationalen Institutionen durchaus voranzutreiben. Damit könnte man zwar auch nicht sämtliche Risiken ausschließen - kriminelle Handlungen sind leider immer möglich! - aber das wäre doch ein erheblicher Fortschritt gegenüber den jetzigen erwerbswirtschaftlichen Konstruktionen.
Die Teilhabe an gesellschaftspolitischen Meinungsbildungsprozessen wird zunehmend von der Präsenz in der virtuellen Welt mitbestimmt. Welche Forderungen müssen daraus auch für die Bildungsarbeit abgeleitet werden?
Regina Görner: Ich glaube, dass wir im Bereich Medienkompetenz einen großen Nachholbedarf haben. Die sozialen Netze sind ja ziemlich neu und entwickeln sich noch. Es gibt meines Erachtens zu wenig leicht verfügbare und auch für Laien verständliche Informationsmöglichkeiten über die Funktionsweise, die Risiken und die Chancen der sozialen Netzwerke. Für die Frage, welche persönlichen Einstellungen ich dort wähle, sollte es vertrauenswürdige Handreichungen geben, die auch ein Anfänger verstehen kann. Sinnvoll wäre meines Erachtens auch ein elektronisches Tool, das unabhängig von den Netzbetreibern verantwortet, entwickelt und möglichst kostenfrei angeboten werden sollte, das Nutzern dabei hilft, die Fußangeln zu umgehen.
Und natürlich ist die Schule hier gefordert. Der Umgang mit den Social Media gehört meines Erachtens in allen Schulformen in den Unterricht. Aber allein damit ist es nicht getan. Denn die sozialen Netzwerke werden auf Dauer keine Domäne der ganz Jungen sein, die sich solche Medien oft aneignen, indem sie voneinander lernen. Erwachsene tun sich da schwerer. Und spätestens da kommen alle ins Spiel, die in der Erwachsenenbildung, der politischen Bildung oder auch der beruflichen Weiterbildung tätig sind. Auch mit Blick darauf, unnötige Ängste und Vorbehalte auszuräumen!
Ich fände es sehr schade, wenn ältere Menschen die Chancen, die für sie in diesen Netzen liegen, nicht entdecken würden. Wer nur noch beschränkte soziale Kontakte hat, nicht mehr so mobil ist, kann von den Social Media enorm profitieren. Viele ahnen das noch gar nicht.
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