Aus den Daten der Ausbildungsbörsen der Kammern werden die freien, noch unbesetzten Ausbildungsplätze ermittelt. In der Öffentlichkeit werden sie dann als Beweis dafür gehandelt, wie entspannt es auf dem Ausbildungsmarkt zugeht. Die Kammer-Botschaften sind jedoch nicht einmal das Papier wert, auf dem sie in den Medienstuben verbreitet werden. Eine Recherche des DGB Hessen hat jetzt ergeben, dass es sich bei rund 75% der vermeintlichen freien Ausbildungsplätze, die in den Börsen angeboten werden, um Falsch-Meldungen handelt. Die Anrufe bei den anbietenden Firmen haben gezeigt, dass die Plätze entweder schon besetzt waren, erst für 2011 angeboten werden oder nicht mehr existierten. Viele Firmen melden ihre Azubi-Plätze gleich in mehreren Kammer-Börsen, was zu Doppelzählungen führt. Wie es um die IHK-Kammer-Börsen in Wirklichkeit bestellt ist und zu welchem propagandistischen Zwecken sie in Wirklichkeit dienen, darüber sprach WAP mit Anke Muth, Jugendchefin beim DGB-Hessen.
Anke, die DGB-Jugend Hessen hat die Ausbildungsbörse aller zehn IHKen im Bundesland gecheckt. Dabei hat euch interessiert, ob die angebotenen Ausbildungsplätze Luftnummern sind oder einer Nachprüfung wirklich stand halten. Was ist dabei herausgekommen?
Zum Einen stimmt die Zahl der angeblich freien Plätze für dieses Jahr nicht ansatzweise, zum Anderen ist von den tatsächlich angebotenen Stellen nur ein Bruchteil noch frei.
In Zahlen heißt das: rund 1500 Azubis werden laut Ausbildungsplatzbörsen für dieses Jahr gesucht, guckt man die dann genauer an sind davon nur rund 370 Stellen tatsächlich für 2010, der Rest ist bereits für das nächste Jahr eingestellt. Davon haben wir 138 angerufen und ganze 35 Stellen waren noch zu besetzen.
Ein weiterer interessanter Aspekt: große Firmen suchen meistens über mehr als ein Portal.
Das heißt in der Konsequenz ein Ausbildungsplatz steht z.B. in sechs verschiedenen IHK Börsen und wird dann auch sechsmal gezählt. Besonders stark verändern sich dann die Zahlen, wenn das Unternehmen nicht nur einen sondern 30 Plätze zu vergeben hat.
Das haben wir nicht mal einfließen lassen und trotzdem war das Ergebnis so verheerend schlecht.
In Summe standen also 75% der ausgewiesenen Plätze real nicht zur Verfügung - ist das nicht ein Riesen-Bluff? Hat Dich das Ausmaß der festgestellten Luftbuchungen überrascht?
Überrascht hat es mich weniger, eher verärgert. Denn diese falschen Zahlenspiele gehen zu Lasten der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Ihnen wird medial permanent suggeriert es sei genug für alle da, man müsse nur flexibel sein und sich kümmern. Die Verantwortung ist damit auf den suchenden Jugendlichen abgewälzt und der findet nichts und kriegt noch das Gefühl, er sei selbst Schuld.
Und dann wird permanent der demografische Faktor ins Spiel gebracht und die Begründung, es gäbe weniger Bewerberinnen. Fakt ist, das es im August 2010 mehr gemeldete Bewerberinnen gab als im September 2009.
Was war der Auslöser dafür, daß ihr mal genauer überprüft habt, was da in der Börse so angeboten wird?
In den letzten Monaten hat man ja in sämtlichen Medien immer wieder zu hören bekommen, das Firmen so verzweifelt Azubis suchen und es angeblich nicht genug Bewerberinnen auf die scheinbar im Überfluß vorhandenen Stellen gibt. Wir wollten sehen, wie sich die Situation tatsächlich darstellt für einen Jugendlichen, der auf der Suche ist.
Die IHK-Frankfurt weist jegliche Verantwortung für den Lehrstellen-Bluff weit von sich. Kann man akzeptieren, dass der Plattformbetreiber die eingestellten Daten ungeprüft übernimmt und keine Verantwortung für die Datenpflege übernehmen will?
Ich finde es ist unseriös, sich hier aus der Verantwortung zu ziehen. Die Plattformen sind für die IHKen ja mehr, als nur eine Börse für Jugendliche. Sie nutzen die Zahlen für ihre Öffentlichkeitsarbeit und politische Argumentation, dann müssen sie auch dafür Sorge tragen, dass sie kontrolliert und belastbar sind. Die IHK Frankfurt will ja nun fürs nächste Jahr genauer prüfen, das werden wir begleiten.
Politische operieren die Kammern also mit den noch freien Ausbildungsplätzen aus den Lehrstellenbörsen. Wenn die Zahl aber noch nicht einmal ansatzweise stimmt, dann führen die Arbeitgeber die Öffentlichkeit doch in die Irre?
In die Irre führen ist in meinen Augen eine fast zu nette Umschreibung. Es ist einfach glattweg gelogen, was da gemacht wird. Das ärgerliche ist, das viele MedienvertreterInnen das Spiel mitspielen und solche Zahlen im Sinne eines kritischen Journalismus nicht eigenständig hinterfragen. Ich fände es spannend, so eine Befragung bundesweit zu machen und mal zu sehen, ob dann tatsächlich 20.000 freie Stellen rauskommen.
Bundesweit und auch in Hessen rühmt man sich ja zusätzlich damit, das es ein Plus bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr gäbe.
In Hessen gab es im letzten Jahr einen Rückgang von 7,5%, das wiederum wird dann dabei verschwiegen. Unserer Ansicht nach muss man erst aus den Miesen raus, bevor man sich mit Zuwächsen rühmen kann.
Du forderst, dass die Kammern die eingesammelten Azubi-Plätze an die Arbeitsämter weiterreichen sollen, um sie dann von dort aus zu besetzen. Warum machen die Kammern eigentlich eine eigene Lehrstellenbörse? Was ist der Vorteil, wenn alle Stellen bei den Agenturen gemeldet würden?
Da gibt es unterschiedliche Erklärungen seitens der IHK VertreterInnen. Pragmatisch wird da dann genannt die Agenturen schickten ihren Unternehmen keine passenden Leute bzw. Betriebe wollten einfach über möglichst viele Kanäle ihre Plätze bewerben.
Ich denke, es hilft ihnen in der politischen Argumentation, denn immer wenn die Zahlen der Arbeitsagenturen veröffentlicht werden retten sich die Arbeitgeber bei fehlenden Stellen hinter der Argumentation, bei der Agentur seien ja längst nicht alle Stellen gemeldet.
Wären alle Stellen bei der Agentur für Arbeit gemeldet, würden sowohl die Doppelmeldungen entfallen, die Verschleierungsmöglichkeiten wären deutlich geringer und für die suchenden Jugendlichen wäre klar, wo sie sich hinwenden müssen.
Werden die Ergebnisse der DGB-Recherche im Berufsbildungsausschuss der IHK Frankfurt beraten?
Wir haben die Ergebnisse über unsere DGB Regionen verteilt mit dem Hinweis, das doch mal in den BBAs anzusprechen. In Frankfurt war schon konstituierende Sitzung und ein Kollege der ver.di wollte es thematisieren. Ich bin selber gespannt zu hören, wie da diskutiert wurde.
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

